klanggestaltung

Eine Erläuterung der Begriffe Geräusch, Musik, Klang und Ton findest Du im Untermenü Glossar. Bei anderen im Essay verwendeten Begriffen sind Links zu den entsprechenden Wikipedia-Artikeln gesetzt. Komponistinnen, die mit der Groupe de recherches musicales (GRM) verbunden waren, aber seinerzeit wenig Akzeptanz oder Aufmerksamkeit fanden, werden im Artikel Les Femmes de GRM gewürdigt. Der Lesbarkeit wegen verwende ich fast ausschließlich die männliche Form.

Was für mich Klanggestaltung bedeutet – ein Essay

Für mich sind Geräusche und Klänge aus dem alltäglichen Leben, von Menschen belebten oder verlassenen Orten ein essentieller Bestandteil und Ausgangspunkt meiner Arbeit als Klangtüftler und Komponist. Alltägliche Geräusche und Klänge bieten willkommene Eigenschaften wie Natürlichkeit, Definition; sie sind organischer Natur und erfreuen sich einer hohen Akzeptanz bei vielen Hörern, weil sie zum Repertoire alltäglicher Hörerfahrungen zählen. Jene hohe Akzeptanz einer Klangkomposition wird beim Zuhörer durch Verfremdung abnehmen, da die durch Verfremdung gestiegene Abstraktheit die Wahrnehmbarkeit, Erkennbarkeit und Unterscheidbarkeit – zumindest im ersten Moment – schmälert. Dennoch können Klangverfremdungen besonders interessant sein, wenn sie eine Wirkung erzielen, die der Zuhörer so nicht erwartet, ihn ggf. in einen Zustand des Erstaunens oder Irritation versetzt. Sehr reizvoll erscheint mir die Kombination von verfremdeten Klängen mit elektronischen Klangerzeugern. Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Daher erscheint es mir sinnvoll,  je nach Projekt, mit dem ich mich gerade befasse, mich für das eine oder andere Konzept bzw. einer Kombination von verschiedenen Konzepten (Klangkollage, Verfremdung, elektronische Klangerzeugung usw.) zu entscheiden.

So orientiert sich meine Herangehensweise an das Thema Klangkomposition oder Klanggestaltung nicht streng an dem Konzept einer Musique concrète, dessen Begriff der französische Komponist und Schriftsteller Pierre Schaeffer (1910-1995) 1948 prägte.

Für Schaeffer fußt Musique concréte …

„… auf vorherbestehenden, entlehnten Elementen einerlei welchen Materials – seien es Geräusche oder musikalische Klänge – die dann experimentell zusammengesetzt werden aufgrund einer unmittelbaren, nicht theoretischen Konstruktion, die darauf abzielt, ein kompositorisches Vorhaben ohne Zuhilfenahme der gewohnten Notation […] zu realisieren.“

Folgende Aspekte der Konkreten Musik (dt. von Musique concrète) unterschieden sich seinerzeit konzeptionell von der traditionellen, abendländischen Musik und der Zwölftonmusik bzw. seiner Weiterentwicklung, der Seriellen Musik:

  • Ausgangsmaterial bilden Klang – bzw. Geräuschphänomeme und nicht herkömmliche Klänge traditioneller Musikinstrumente bzw. elektronische Klangerzeuger
  • Verwendung des Tonbandes statt der Notation
  • Auflösung des Verhältnisses zwischen Komponist und Interpret
  • Loslösung von harmonischen Strukturen und Formulierung einer neuen Theorie bzw. eines neuen Sprachschatzes zwecks Beschreibung der neu erschaffenen Klänge bzw. Klangcollagen

Für Pierre Schaeffer und seinem Kollegen Pierre Henry (1927- 2017), die beide abwechselnd der Groupe de Recherche de Musique Concrète vorstanden, ging die Bewegung bei der klassischen Musik vom Abstrakten ins Konkrete (Komposition). Bei der Musique concréte wäre es umgekehrt: Vom Konkreten (Alltagsgeräusche) würde das Abstrakte durch Klangverfremdung geschaffen.

Auf mich wirken die Werke, die dem Konzept der Musique concréte zugeordnet werden, nicht in jeder Hinsicht abstrakt. Zwar mag das Gesamtgebilde eines Werkes auf mich zuweilen abstrakt wirken, da traditionelle Harmonik und Rhythmik weggelassen wurden. Jedoch erscheinen mir die darin verwendeten, einzelnen Klangphänomene als wenig abstrakt, weil sie für mich in ihrer Gegenständlichkeit – zumindest teilweise – konkret wahrnehmbar und unterscheidbar sind.

Einen höheren Grad der Abstraktheit erreichten die KomponistInnen der Musique Concrète durch Verfremdung der einzelnen Klangphänomene, z.B. durch Filtern, Überlagerung oder Änderung der Geschwindigkeit des Tonbandes.

Fazit:

Neben der Freude, Klangphänomene aufzunehmen, die besuchten Orte und die dort gefundenen Gegenstände zu fotografieren und somit klanglich und bildlich festzuhalten, gestaltet sich das Aussuchen, Isolieren, Beschriften und Archivieren zwar als sehr zeitaufwendig, aber auch als sehr lohnenswert. Die eingangs erwähnten Eigenschaften jener Klangphänomene, Natürlichkeit, Definition und ihre organische Natur werden vom Zuhörer nicht nur als vertraut, sondern im Kontext einer Klangcollage oder Musikkomposition vom Zuhörer mitunter auch als sehr kreativ und witzig wahrgenommen. Auch völlig andere, unerwartete Wirkungen können erzielt werden, z.B. wenn neu gestaltete Klänge dem Zuhörer unbekannt erscheinen und Verfremdung Erstaunen oder Irritation hervorrufen.

Ob ich nun eher gegenständlich anmutende, verfremdete oder elektronische Klänge verwende bzw. schaffe, darin mag ich mich nicht festlegen. In jedem Fall darf der entstehende Klang gerne als besonders wahrgenommen werden ;-)!

 

Quellen:

  • Hermann Danuser, Die Musik des 20.Jahrhunderts, Band 7, in: Geschichte der Musik, Laaber, Hrsgb Carl Dahlhaus, Seite 317 ff.
  • Wikipedia-Artikel über Musique concrète, Pierre Schaeffer & Pierre Henry